Grundlegendes
Gehörbildung kann Spaß machen. Grundvoraussetzung hierzu ist, dass es ⇒ "schaffbar" ist.
Um musikalisch hören und dieses aufschreiben zu können, ist ein mentales Bild notwendig. Dieses ist bei unseren Teilnehmern noch nicht ausgebildet, was man als Erwachsener/ausgebildeter Musiker schnell vergisst. ⇒ Visualisierung
Aus der praktischen Arbeit: Jüngeren Kindern fällt es schwer zu unterscheiden, ob der zweite Ton nach oben oder unten geht oder wie weit die Töne auseinander liegen. Dieses scheint aufgrund der Entwicklung bedingt zu sein. Die entsprechenden Hörbahnen im Gehirn sind noch nicht entsprechend ausgebildet. Daher ist das Alter der Teilnehmer für die Arbeit entscheidend.
Um das mentale Bild zu entwickeln brauchen die TN weiter Methoden, wie sie das Gehörte aufnehmen und verarbeiten können. Auffällig war zudem, dass es den Teilnehmern schwer fiel, Tonabfolgen/Rhythmen/Melodien zu behalten. Das Melodiegedächtnis war wenig ausgeprägt/geübt. ⇒ Nachsingen
Da die wenigsten von uns über das absolute Gehör verfügen, brauchen wir Anhaltspunkte. ⇒ Orientierungshilfen
Musikalisches Hören ist eine Fähigkeit, die erlernt werden kann. Hierzu ist jedoch regelmäßiges Üben notwendig. Durch Grundübungen können die grundlegenden Fertigkeiten, regelmäßig, ritualisiert eingeübt werden. Vorteilhaft ist, den Übungen einen Namen zu geben, so wissen alle schnell, was sie tun sollen. Ihr findet die Grundübungen in der Ideenkiste.
"Schaffbarkeit"
Überforderung macht unzufrieden und hemmt das Lernen. Spaß macht
es, wenn ich merke, dass ich etwas kann.
Daher ist es wichtig Einheiten so zu gestalten, dass die
Hör-Lehrlinge es bewältigen können. Dieses ist stark von den
jeweiligen Teilnehmern abhängig, so dass man als Lehrer/Dozent
flexibel reagieren können sollte. Hier sind auch zeitliche und
methodisch-didaktische Faktoren mit einzubeziehen. So ist die
Aufnahmekapazität begrenzt. Musikalisches Hören ist angstrengend, so
dass ein Wechsel von Theorie, Praxis und Gehörbildung vorteilhaft
ist. Auch Pausen zu setzen ist wichtig.
| Hilfreich sind hier: | |
| - überschaubare/bewältigbare Einheiten | - Orientierungshilfen |
| - aufeinander aufbauende Einheiten (vom Leichten zum Schweren) | - Methoden-/Übungsrepertoire des Lehrers aus dem ich flexibel auswählen kann |
| - gemeinsames, visualisiertes Erarbeiten, Üben und Korrigieren | - guter Blick für die Fähig- und Fertigkeiten der TN |
| - Material zur Visualisierung | - Keep it simple! |
| - zeitliche Planung (was ist schaffbar? Pausen?) | - Ritualisieren von Übungen/Phasen |
"Ich kann das!" ("Ich arbeite, so gut ich kann!") ist die Basis für meine Arbeit in der Schule. Mit dieser Grundeinstellung werden auf einmal Dinge möglich, die man vorher nicht erwartet hätte. Wichtig sind bewältigbare Einheiten, der Umgang mit Fehlern ("Fehler sind gut, wenn man sie korrigiert" als Hinweis auf den Hausmeister im Kopf/Exkurs Lernen") und das Vertrauen, dass es ich es lernen kann ("Ich kann das NOCH nicht.").
Was ich wie mache, hängt stark von den Fähig- und Fertigkeiten und dem Alter der TN ab (die Motivation lass ich hier mal beiseite :-) ). Daher ist es als Dozent/Lehrer hilfreich, wenn man flexibel darauf reagieren kann. Hierzu braucht man ein entsprechendes Methoden-Repertoire. Dieses findet ihr in der Ideenkiste.
Visualisierung
Um ein mentales Bild zu entwickeln (Bilder von
Rhythmen, Noten usw. "in den Kopf zu bekommen") hilft es dieses
zunächst visuell anzubieten. Spannend ist, wie schnell die
Teilnehmer ("Hör-Lehrlinge") dieses umsetzen können. Das
Hilfsmittel "Visualisierung" wird so schnell überflüssig.
Wann dies ist, wird von jedem Teilnehmer selbst bestimmt.
Zudem entlastet die Visualisierung den Kopf und
vereinfacht das Arbeiten enorm - z.B. beim Erarbeiten oder
Korrigieren.
Für die Visualisierung nutze ich Rhythmuskarten, Sternbilder/Folien usw.
Aus der praktischen Arbeit: Ich
arbeite gerne mit einem Overhead-Projektor (OHP) -
ganz "old school". Für mich hat dies verschiedene Vorteile:
Unabhängig von örtlichen Voraussetzungen - einfaches, flexibles,
individuelles Arbeiten - Methoden/Vorgehensweisen können gemeinsam
erarbeitet werden - ermöglicht sichtbare Korrekturen - Fähigkeiten
der TN werden gut sichtbar - entlastet den Kopf - erzeugt nebenbei
eine angenehme Atmosphäre
Visualisierung bedeutet für mich nicht nur das Visualisieren des Gehörten, sondern auch das Visualisieren von Arbeitsschritten und Vorgehensweisen. Hilfreich ist hier viel "öffentliches" Erabeiten und Üben.
Aus der praktischen Arbeit: Beim öffentlichen Erarbeiten/Üben wird die konkrete Vorgehensweise deutlich. Fehler können für alle genutzt werden, um sie in Zukunft zu vermeiden. Hier ist der Dozent gefragt, damit Fehler ihren Schrecken verlieren. Ihr werdet sehen, je mehr ihr gemeinsam erarbeitet und übt, desto sicherer sind die Teilnehmer. Ein entsprechendes Diktat zum Ende einer Einheit sollte jedoch von jedem TN allein bearbeitet werden.
Nachsingen
Das Motiv ist gerade vorgespielt, sofort kommt: "Kannst du das nochmal spielen?"... Schnell wurde in der Arbeit deutlich, dass das Melodiegedächtnis bei vielen nicht entsprechend entwickelt/ausgebildet ist. Um dieses zu trainieren hilft es die Tonfolgen, Melodien, Rhythmen jedes Mal nachsingen zu lassen (auch nachklatschen).
Aus der praktischen Arbeit: Oft
vergesse ich es, direkt nachsingen zu lassen. Das merke ich aber
meistens direkt, weil die Teilnehmer schlechter auffassen oder sie
direkt nachfragen. Diese Situationen kann man gut nutzen, um den
Unterschied und den Vorteil vom Nachsingen deutlich zu machen.
Weiter hilft das Singen Gehörtes zu verinnerlichen und mit den
entsprechenden Orientierungshilfen zu verarbeiten.
Hören die TN nur, fällt ihnen das Erkennen schwer. Singen sie nach,
gelingt dieses meist wesentlich einfacher und schneller. Hilfreich
ist hier auch: Der Körper/der Kehlkopf folgt den Tonbestrebungen.
Dies kann man spüren, wenn man beim Singen die Hand an den Kehlkopf
legt (die TN entscheiden selbst, ob sie es
brauchen). Manchmal geht auch der Kopf nach oben oder nach unten und
verrät so die Tonrichtung.
Aufgabe des Dozenten/Lehrers ist es hier besonders, die Angst vorm Singen zu nehmen. Es geht nicht darum, dass es besonders schön ist, sondern darum "das Gehörte in den Kopf zu bekommen". :-)
Aus der praktischen Arbeit: Ganz schnell
wird aus einem "Oh nein, nicht singen!" ein "Können wir das bitte
singen?", wenn ich das Nachsingen vergessen hatte.
Ich finde das Nachsingen auch von Rhythmen
hilfreich, da lange Noten und Pausen
deutlicher werden. Es verdeutlicht zudem nochmal die
unterschiedlichen Ebenen: Vorklopfen - außerhalb, Nachsingen -
verinnerlichen und Arbeiten mit von außem Vorgegebenem).
Orientierungshilfen
Für die unterschiedlichen Bereiche nutze ich folgende Orientierungshilfen:
Rhythmus - Fuß (Metrum),
Sprachzuordnungen
Melodie - Tonleitern/Dreiklänge
(Tonwiederholung - Tonschritt -
Tonsprung)
Intervalle - Liedanfänge, aber auch
Konsonanz/Dissonanz, Gespür für tonale Abstände (weit-eng)
Dreiklänge (Akkorde) - Wirkung (traurig,
fröhlich...)
Die meisten Orientierungshilfen sind mentale, innere, unsichtbare Hilfen/Orientierungspunkte. Der Fuß hat da eine Sonderstellung. Um die Hör-Azubis zu unterstützen lasse ich den Fuß grundlegend mitlaufen. Wer kann und möchte kann auch beide Füße mit einbeziehen und so die Zählzeiten weiter genauer zuordnen. Die Teilnehmer selbst sollten leise mittreten (Hacken hoch ;-) )
Natürlich kann man sagen: "Wer mit-tritt kann nichts!" oder
"Liedanfänge sind nicht sinnvoll.". Aber auch hier vergisst man als
ausgebildeter Musiker schnell, dass Anfänger dieses noch nicht
verinnerlicht haben. Und letztendlich entscheidet jeder für sich
selbst, was ihm hilft.
Spannend ist auch hier, wie schnell die Teilnehmer ("Hör-Lehrlinge")
dieses annehmen, umsetzen und verinnerlichen können. Was ihnen hilft
und welchen Orientierungspunkt sie brauchen, entscheiden die TN
selbst.
